Die Giftgas-Manipulation

Erneut verbreiten professionelle Lügner Desinformation und Kriegspropaganda.

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

von Rubikons Weltredaktion.

Es geschah am helllichten Tag: Der rätselhafte Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter. Für die britische Regierung und ihre westlichen Verbündeten ist der Fall klar: Hinter dem Anschlag stecken die Russen. Der ehemalige britische Botschafter Usbekistans Craig Murray ist anderer Auffassung. Er sieht Parallelen zwischen den beweislosen Anschuldigungen heute und der dreisten Lüge von den irakischen Massenvernichtungswaffen im Jahr 2003. Diese Lüge verbreiteten die USA und Großbritannien, um ihren Angriffskrieg gegen den Irak zu legitimieren. Umso wichtiger, heute wachsam zu sein.

Von Lügnern erdacht

von Craig Murray.

Ich habe nun von einer zuverlässigen Quelle aus dem Foreign and Commonwealth Office bestätigt bekommen, dass die Wissenschaftler des Forschungszentrums Porton Down nicht in der Lage sind, das Nervengift als aus russischer Produktion stammend zu identifizieren, und sie darüber verärgert waren, dass Druck auf sie ausgeübt wurde, die Substanz so einzuordnen. Die Wissenschaftler von Porton Down wollten sich lediglich auf die Wendung „einer Art, wie sie in Russland entwickelt wurde“ einlassen und das nach einem ziemlich schwierigen Treffen, auf dem man sich auf diese Kompromissformulierung einigte.

Die Russen forschten angeblich im „Novichok“ Programm an einer Generation Nervengifte, die aus im Handel erhältlichen Ausgangsstoffen wie Insektiziden und Düngemitteln hergestellt werden können. Die Substanz ist in diesem Sinne ein „novichok“ (Neuling, A. d. Ü.). Sie gehört zu diesem Typus Nervengift.

Genauso wie ich mit einem Laptop eines Typus‘ arbeite, der von den Vereinigten Staaten entwickelt wurde, auch wenn dieses Exemplar in China hergestellt wurde.

Jedem mit einem Whitehall-Hintergrund (Straße im Londoner Regierungsviertel, A. d. Ü.) ist dies schon seit einigen Tagen klar. Die Regierung hat nie gesagt, dass das Nervengift in Russland hergestellt wurde oder dass es nur in Russland hergestellt werden kann. Die exakte Formulierung „eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde“, wurde von Theresa May im Parlament verwendet, wurde von Großbritannien im UN-Sicherheitsrat gebraucht, von Boris Johnson bei der BBC und – dies ist besonders bezeichnend — „eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde“ ist exakt dieselbe Wendung, die am 15. März 2018 (A. d. Ü.) in der gemeinsamen Erklärung von Großbritannien, den USA, Frankreich und Deutschland benutzt wurde:

Dieser Einsatz eines Nervenkampfstoffes eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde, stellt den ersten Einsatz eines Nervengiftes in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dar.

Wenn niemand von dieser immer gleich lautenden sorgfältig gewählten Formulierung abweicht, so lässt sich daran erkennen, dass es sich dabei um das Ergebnis eines sehr heiklen Kompromisses in Regierungskreisen handelt. Mein Informant im Foreign and Commonwealth Office erinnert sich – wie ich – an den extremen Druck, der auf die Mitarbeiter des Office ausgeübt wurde, als es darum ging, das schmutzige Dossier über die irakischen Massenvernichtungswaffen abzusegnen. In meinen Memoiren „Murder in Samarkant“ beschreibe ich diesen Druck.

Meine Quelle selbst verglich die aktuellen Geschehnisse, insbesondere im Forschungslabor Porton Down, mit damals. Nicht ich habe sie darauf aufmerksam gemacht.

Außerdem habe ich die Pressestelle der OPCW (Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons) angeschrieben und sie um Bestätigung gebeten, dass es niemals einen physikalischen Beweis für die Existenz des russischen Novichoks gegeben hat und dass das Inspektions- und Vernichtungsprogramm der russischen Chemiewaffen im letzten Jahr beendet wurde.

Waren Ihnen diese interessanten Fakten bekannt?

Die Inspektoren der OPCW hatten über ein Jahrzehnt lang ungehinderten Zugang zu allen bekannten russischen Chemiewaffen-Einrichtungen – darunter auch jenen, die vom angeblichen „Novichok“ Whistleblower Mirzayanov identifiziert wurden – und letztes Jahr haben die OPCW-Inspektoren die Vernichtung der letzten 40.000 Tonnen russischer Chemiewaffen abgeschlossen.

Im Gegensatz dazu läuft das Programm zur Vernichtung der US-Chemiewaffen erst in fünf Jahren aus.

Israel verfügt über umfangreiche Chemiewaffenbestände, hat es jedoch bislang immer abgelehnt, sie gegenüber der OPCW anzugeben. Israel ist kein Vertragsstaat der Chemiewaffenkonvention und auch kein Mitglied der OPCW. Israel hat die Konvention zwar 1993 unterzeichnet, sich jedoch geweigert, sie zu ratifizieren. Denn dies würde bedeuten, dass seine Chemiewaffen inspiziert und zerstört würden. Zweifellos verfügt Israel über genauso große technische Fähigkeiten wie jeder andere Staat, „Novishoks“ künstlich herzustellen.

Bis zu dieser Woche herrschte unter Chemiewaffenexperten der beinahe universelle Glaube – und das entsprach auch der offiziellen Haltung der OPCW – dass “Novichoks” höchstens ein theoretisches Forschungsprogramm war, den Russen die eigentliche Produktion jedoch nie gelungen sei. Daher finden sich die „Novichoks“ Substanzen auch nicht auf der OPCW-Liste der verbotenen Chemiewaffen.

Die Wissenschaftler des Forschungszentrums Porton Down sind immer noch nicht sicher, dass die Russen nun scheinbar doch ein „Novichok“ Gift hergestellt haben. Daher die Formulierung „eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde“. Nota bene:

Entwickelt, nicht hergestellt, produziert oder erzeugt.

Wir haben es hier mit sehr sorgfältig formulierter Propaganda zu tun. Eines Typs Propaganda, wie er von Lügnern entwickelt wurde.

Nachtrag

Dieser Post hat einen anderen früheren Kollegen dazu gebracht, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Positiv zu vermerken ist, dass das Foreign and Commonwealth Office Boris (Johnson, A. d. Ü.) davon überzeugt hat, dass er die OPCW eine Probe untersuchen lassen muss. Aber noch nicht sofort.

Es wird erwartet, dass die Untersuchungskommission unter dem Vorsitz eines chinesischen Delegierten tagen wird. Boris plant, die OPCW dazu zu bringen, ebenfalls die Wendung „eines Typs, das von Russland entwickelt wurde“ zu übernehmen, und dieses Ziel verfolgen derzeit diplomatische Bemühungen in Beijing.

Vermutlich macht die BBC keinerlei Anstalten, sich journalistisch damit zu befassen, oder?

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Dieser Beitrag erschien am 18.3.2018 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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Kommentare (6)

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