Die Gattung Mensch an der Weggabelung

Einer der Wege führt zum Abgrund, der andere zumindest an der Kante entlang oder gar wirklich zum rettenden Ufer

Von Bernhard Trautvetter.

Kolumbus konnte ein Ei mit einem einfachen Trick auf die Spitze stellen. Beim gordischen Knoten an Zukunftsgefährdungen, vor dem wir Heutigen stehen, verhält es sich längst nicht so einfach. Der Knoten ist in Wahrheit ein Zusammentreffen sich gegenseitig verstärkender  Wellen, die in ihrer Eigendynamik überraschende und absehbare Gefahren mit sich bringen, die wir in ihrer Komplexität kaum begreifen können, auch nicht in ihrem Tempo und schon gar nicht in ihrer Gefahr. Der Mensch ist von der Evolution hervorragend dafür ausgestattet in momentanen Gefahrenmomenten genau die intuitive Entscheidung zu treffen, den Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen, wenn es schon gar nicht mehr danach aussieht, dass das noch klappen könnte. Heute sind wir in einer Situation, die der Mensch in seinen Millionen Jahren noch nicht kannte, auf die er von der Evolution nicht vorbereitet werden konnte und die jeden Einzelnen von uns so herausfordert, wie es trotz Faschismus, Hexenverfolgung, Kreuzzüge, Genozide und Atombombe noch keine Generation vorher war.

Die Gattung Mensch ist diejenige auf der Erde, die viele Bereiche Ihres Verhaltens wie keine zweite immer wieder komplett umwälzt, anpasst und innovativ ausprobiert. Der Rhythmus dieser Umwälzungen, die etwas von Revolutionen an sich haben, verkürzt sich immer mehr, wie das in Ravels Bolero geschieht. Die Menschheit war über mehrere Millionen Jahre Jäger und Sammler mit einem relativ stetigen Umfeld. Ob sie das Tempo halten kann, das die in unserer Zeit generiert, hängt nicht alleine von ihren anthropologischen Eigenheiten ab –Empathie, Arbeitsteilung, Nach-Denken, Intuition und Antizipation, sondern auch davon, ob sie eine Gesellschaftsordnung zu erringen in der Lage ist, die nicht mehr alle Prozesse des Austauschs der Gattung insgesamt mit der sie umgebenden Natur dem partikularen Verwertungsinteresse konkurrierender Einzelkapitale unterstellt. Das wäre dann eine irgendwie sozialistische Gesellschaft. Das ist nicht nur deshalb schwierig, weil die Gesellschaft, die sich so nannte, im Kalten Krieg untergegangen ist und nun von den Siegern aus eigenem kurzfristigen Machtinteresse insgesamt verächtlich gemacht und diskreditiert wird. Sozialisten gelten schnell als Menschen mit ideologischer Brille, die die Realitäten nicht sehen oder begreifen; Sozialismus wird mit Stalinismus und damit mit Diktatur gleichgesetzt.

Wir leben mit Denkweisen der zurückliegenden Jahrhunderte, und das im 21. Jahrhundert.

Es wird immer offensichtlicher, dass das nicht mehr geht, bleiben aber zu lange bei einem Ressourcen-verschwenderischen Verhalten in einem immer verletzlicheren Lebensraum, so als könnten wir uns es weiter gefahrlosleisten, so unbedacht zu leben. Unsere Aufgabe als Mensch ist es, uns dafür aktiv einzusetzen, dass die Erde ein immer besserer Ort wird.

Rüde Politiker, die schon durch ihre Sündenbock-Sprache zum Ausdruck bringen, dass sie nichts begreifen, elektrisieren die Öffentlichkeit mehr, als die realen Prozesse, mit denen die Menschheit wie schlafwandlerisch  auf den Rand des Abgrunds zu-taumelt.

Roosevelt sagte in der Zeit des zweiten Weltkrieges, wir hatten noch nie so wenig Zeit, so viel zu tun. Einstein sagte in dieser Zeit, die Atombombe habe alles verändert, nur nicht das menschliche Denken. Wenn wir überleben wollen, müssen wir ausgehend von der Liebe neu denken und so handeln, dass die Früchte unserer Liebe, die Kinder, leben können, besser: dass sie besser leben können. Frieden bedeutet zu allererst, dass die Menschen es im Angesicht der Schönheit des Lebens und der Welt lieben, zu leben. Die Wesen, die hoffentlich als unsere Nachfahren noch eine bewohnbare Erde vorfinden, sind es, von denen wir diese Welt geliehen haben; nichts auf Erden gehört uns ein für alle Mal.

Die einflussreichen Teile der Menschheit haben allerdings seit Roosevelt und Einstein die Signale des Planeten zu ersticken versucht und sind beim Besitzstand-Denken des Habens, des Profits, des Mehr geblieben. Sie versuchen, die Gesellschaft mit einer Brot-und-Spiele-Entertainment-Industrie zu zerstreuen, abzulenken und gegen revolutionäre Ideen und Taten, die ihre Macht schnell gefährden könnten, zu lähmen. Im Ergebnis der Nach uns die Sintflut-Ökonomie steigt der Druck durch immer größere Katastrophen. Wer nicht wahr haben will, den bestraft das Leben, denn das Leben ist stärker als das Geschäft. Es verlangt Rechenschaft in Zeitbezügen über Millionen Jahre, wie man auch an den Halbwertzeiten des Atommülls bemessen kann. Das Geschäft aber verlangt Rechenschaft in Bilanzzeiträumen von erst einmal einem Jahr. Dabei übersehen die, die in ihren Horizonten entscheiden, immer wieder Wirkungen ihrer Entscheidungen, die sich nicht direkt in ihren Zahlen sichtbar niederschlagen.

Im Ergebnis all dessen steigt der Druck nicht linear, sondern in der Logik der vielen sozialökologisch-militärischen… Wellen, die heute immer sichtbarer aufeinandertreffen, steigt er exponentiell.

Die Aufgabe, darauf mit dem weichen Herzen eines Menschen zu reagieren, nenne ich in Anlehnung an Hans Jonas Verantwortungsethik. Sie kann nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn wir wahrnehmen und aktiv sozial darauf reagieren, dass die Menschen in unserer Zeit und Welt unsere Brüder und Schwestern sind. Nur diese Haltung hat den Menschen befähigt, in noch so unwirtlichen Gegenden dieses Planeten zwischen Sahara und Nordpol einen Raum zum Leben zu gestalten. Wer alleine zu leben versucht, stirbt zumal heute ganz schnell und alleine. Zu meinem Verständnis eine Verantwortungsethik gehört es auch, den Menschen, auch mich als ganzheitliches Wesen mit Leib und Seele Kopf, Herz und Intimbedürfnissen wahrzunehmen. Wir werden nur dann die Not-wendige Motivation aufbauen, einen Versuch in Richtung einer zukunftsverträglichen Welt zu starten, wenn wir auch als sinnliche Wesen gerne Leben. Die Welt ist so schön. Ich wünsche uns, dass wir mehr auf uns und sie achten.

Das ist mein Verständnis der Ehrfurcht vor dem Leben – wie es einst Albert Schweitzer nannte, die es unmöglich machen würde, dass Zeitgenossen Nuklearpotentiale bauen, Ökosysteme vergiften und vernichten, rassistische Herzlosigkeit als Ausdruck realpolitischer Reife darstellen und verbreiten.

Solange es Menschen gibt ist die beherzte Menschlichkeit die bessere Idee, wie mir scheint. Die einzige, mit der wir vielleicht doch noch ein Überleben ermöglichen, an der Weggabelung, an der wir, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, möglicherweise wirklich stehen.

Solange es nicht klar ist, ob die Gefahr so groß ist, wie immer mehr Wissenschaftler sagen, verbietet es sich, so weiter zu konsumieren, als wäre das bedenkenlos möglich. Wenn das Herz friert, haben wir einen Fehler gemacht. Wenn das Herz wärmt, hat das Leben neue Chancen. Solange es uns gibt.

(Wer oder was ist eigentlich dieses „es“?)

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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