Der „Humanistische Grundkonsens“ und die „Strategische Kommunikation“

von Bernhard Trautvetter.

Im Mai 2014 erschien auf der Website von Pedram Shahyar der Text „Offener Brief von Pedram Shayar (Attac) an die Mahnwache Erfurt”[1]  für einen humanistischen Grundkonsens.

Mit diesem Text begründeten Lars Märholz, Ken Jebsen und Pedram Shahyar ihre Distanzierung von Jürgen Elsässer mit diesen Worten:

„Viele Teilnehmer der Montagsmahnwachen waren …  empört …, dass Herr Elsässer … einen Artikel veröffentlichte, in dem wieder einmal konkreten personenbezogenen Herabwürdigungen Raum gegeben wurde. In der aktuellen Ausgabe seines Magazins kommt zudem nun ein Autor zu Wort, der in unsäglicher Weise gegen Migranten, Homosexuelle und Frauen vom Leder zieht. Es ist schlichtweg nicht glaubwürdig, sich auf der Friedensbühne kurzfristig zu mäßigen, um hinterher unverdrossen mit Ressentiments zu spielen, um die Verkaufszahlen eines Magazins zu fördern.“  

Auf diesen Text gingen Kritiker seither nie ein, nicht der Parteivorstand der Linkspartei, nicht die Studie der Otto Brenner-Stiftung zur sog. „Querfront“[2] und Medien oder Portale bevorzugterweise aus dem sog. “antideutschen” Spektrum, wenn sie ihre Abgrenzung gegen KenFM und engagierte Kräfte, die mit ihm zusammenarbeiten, begründen.  Mit Fehlinterpretationen, wie sie sich Henryk M. Broder leistete, entstanden Antisemitismus-Vorwürfe[3] die unter anderem zur ausgrenzenden “Querfront”-Vokabel führte.

Es ist meiner Meinung nach zwar widersprüchlich, wenn auf KenFM einige wenige Beiträge verbreitet werden, die mit Ressentiments z.B. gegen Juden spielen, wie es der Vortrag von Gilad Atzmon[4] nach meiner Interpretation tut, und wenn Gerhard Wisnewski ein Autor des Magazins von Jürgen Elsässer (z.B. Compact 3.9.2016) erscheint.

Hier ist KenFM meines Erachtens nach im Widerspruch mit sich selbst. Diese Widersprüche sind kein Ausdruck einer Querfront. heise.de berichtete in diesem Zusammenhang: „Insbesondere der rechtsextreme, offen völkische Flügel um Höcke hat die verkürzte Kapitalismuskritik für sich entdeckt, wie der MDR anlässlich der sogenannten Compact-Konferenz berichtete, die eben von dem Jürgen Elsässer organisiert wurde, den auch Ken Jebsen interviewte.“[5] Diese Interviews lagen Jahre zurück, ‚heise.de‘ erweckt hier also so, wie viele andere, den falschen Eindruck, es gehe um ein Zusammengehen einst linker Kräfte mit Rechten, was dann als Querfront-Strategie zum großen Rundumschlag gegen breite Kreise alternativer Spektren missbraucht wird. Mit dabei sogenannte oder auch Mainstream-Medien, TV-Angebote wie Report München und auch linke Medien.

Hier liegt ein großer Erfolg der “Strategischen Kommunikation” der Militärs vor:

Auf der Website “Air University” der US- Luftwaffe finden wir unter dem Begriff “Strategische Kommunikation” unter anderem die Methode, sich darauf zu konzentrieren, das Ansehen von Opponenten herabzustufen (“concentrate on degrading the credibility of opponents“)[6]: Hier liest man auch, dass die US-Armee seit circa 1998 dazu übergegangen ist, systematisch strategische Kommunikation zu nutzen. Das pr-wörterbuch.de definiert Strategische Kommunikation so: „Die bewusst geplante, interessengeleitete Kommunikation, um ein Unternehmensziel zu erreichen. Sie umfasst alle dafür geeignet erscheinenden kommunikativen Maßnahmen.“[7]

Im Falle der Nato ist das Unternehmensziel die Meinungshoheit in der Öffentlichkeit, sodass die Vorbehalte gegenüber dem Militärischen zurückgehen und die Unterstützung für Aufrüstung und sogar für kriegerische Maßnahmen zunimmt.

Es geht also ganz unverhohlen nicht darum, menschliche offene Kommunikation zu betreiben, sondern um Meinungsmache mit Methode. Maßnahmen sind nach der „Air University“ unter anderem die Hervorhebung der Komplexität des Geschehens, das Ersetzen reiner Wiederholung durch Varianten der Botschaften, massive Einschnitte in Entwicklungen und Fehler zu erwarten[8](A 21st Century Model for Communication in the Global War of Ideas: From Simplistic Influence to Pragmatic Complexity, by Corman, Trethewey, and Goodall, April 2007, Übersetz.: B.T.).

Man sieht also davon ab, die Botschaften einfach wiederholend zu transportieren, sondern variiert Aspekte der Inhalte, mit denen man Maßnahmen der “Strategischen Kommunikation” in der öffentlichen Meinungsmache exerziert.

Die Konferenz des Joint Air Power Competence Centre 2015 in Essen hatte das Thema „Strategische Kommunikation“, inzwischen gibt es im Baltikum, in Riga ein Nato-Centre of Excellence für Strategic Communication. Die Konferenz 2015 in Essen propagierte für die Manipulation der Meinung der Bevölkerung die Methode, Geschichten zu erzählen, etwa über gut trainierte und hoch motivierte junge Kräfte, die fantastische und noble Arbeit verrichten und die sich dabei Herausforderungen stellen; die Vorteile einer solchen Herangehensweise würden die Nachteile bei weitem überwiegen[9].

Die eigenen Kräfte in gutem Licht erscheinen lassen und die Gegner diskreditieren. Das ist Element der Manipulation der Menschen durch Militaristen. Diese Propaganda wirkt.

Die Aufgabe der alternativen Kräfte besteht darin, sich dagegen zu immunisieren, einen eigenen humanistischen Kompass zu verbreiten und WeggefährtInnen sowie die Öffentlichkeit aufzuklären, damit der Widerstand gegen das Geschäft des Todes nicht mit strategischen Maßnahmen  paralysiert werden kann.

Uns geht es statt um Strategische Kommunikation um menschliche Kommunikation und um eine Interaktion, die die Beteiligten immer mehr in die Lage versetzt, ihre Erfahrungen ohne Ressentiments rückhaltlos zu verarbeiten. Dazu gehört dann auch die Erkenntnis, dass die Realität ein Prozess ist der sich aus Gegensätzen speist.

Das beinhaltet die Erkenntnis, dass auch wir uns in Widersprüchen entwickeln. Sie zu kultivieren wäre dann eher paralysierend, sie zum Impuls für Weiterentwicklung zu nutzen, kann uns helfen, unser Potential zu entfalten.

So ist es zu verstehen, wenn der Lehrer Keating in ‚Club der toten Dichter‘ auf dem Pult stehend sagt: „Wenn Du von etwas wirklich überzeugt bist, dann rate ich Dir, darüber nachzudenken: Was könnte dagegen sprechen?“

Denn was uns befähigt, aufrecht durchs Leben zu gehen, das ist unsere Fähigkeit, mit Widersprüchen ohne Scheuklappen umzugehen, dann kann Strategische Kommunikation uns nicht zu willenlosen Trägern fremder Ideen umpolen, dann sind wir Menschen im Sinne des humanistischen Grundkonsenses.

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Quellen

[1] http://www.internetz-zeitung.eu/index.php/1916-offener-brief-von-pedram-shayar-attac-an-die-mahnwache-erfurt

[2] http://www.nachdenkseiten.de/?p=27377]

[3] https://www.rubikon.news/artikel/pr-mit-dem-holocaust-als-pr

[4] https://kenfm.de/kenfm-am-set-gilad-atzmon/

[5] https://www.heise.de/tp/features/Querfront-als-Symptom-3952540.html?seite=all

[6] https://www.heise.de/tp/features/Querfront-als-Symptom-3952540.html?seite=all: Siehe: Credibility in the Global War on Terrorism: Strategic Principles and Research Agenda, by Corman, Hess, and Justus, 9 June 2006  Quelle:  http://www.au.af.mil/info-ops/strategic.htm, Übersetzung B.T. (dort mit der Suchfunktion ‘opponents’ suchen)

[7] http://www.pr-woerterbuch.de/wiki/index.php/Strategische_Kommunikation

[8] “…replace repetition with variation…”  in: http://comops.org/publications/CSC_report_0701-pragmatic_complexity.pdf A 21st Century Model for Communication in the Global War of Ideas: From Simplistic Influence to Pragmatic Complexity, by Corman, Trethewey, and Goodall, April 2007, Quelle:  http://www.au.af.mil/info-ops/strategic.htm – Übersetz.: B.T.

[9] https://www.japcc.org/wp-content/uploads/Conf_Proceedings_2015_web.pdf , S. 12, Übersetzung: B.T.

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