Der gute Mensch von nebenan | Von Roberto J. De Lapuente

Von Roberto J. De Lapuente.

Die ganze Nacht wachte er am Bett seiner Tochter. Sie war nicht ernstlich krank, aber er sorgte sich. Und seiner Frau wollte er eine durchwachte Nacht nicht zumuten. Nicht weil sie schwächelte, sondern weil er ihr Schlaf gönnte. Sie war eine gute Frau und er wollte ihr etwas zurückgeben. Also tupfte er dem Kind den Schweiß von der Stirn, reichte ihm Tee und fand tröstende Worte.

Die Kleine wachte mehrmals auf und er erzählte ihr mitten in der Nacht kurze Geschichten. Meist waren es Episoden voller Phantasie und lustigen Gestalten, die Gutes taten und sich gegenseitig unterstützten. Sie schlief bald wieder ein und hatte ein Lächeln auf den Lippen. Er nahm wieder auf dem Stuhl neben dem Bettchen Platz und döste vor sich hin. Jede Regung seines kleinen Schatzes ließ ihn hochschrecken.

Zwischendrin schlich er sich ins Schlafzimmer, sah nach seiner Frau. Sie schnarchte süßlich vor sich hin. Er trat an sie heran, deckte sie zu und strich ihr gedankenverloren durchs Haar. Strähnen verfingen sich zwischen seinen Fingern und er bemühte sich, sie ohne daran zu ziehen wieder frei zu geben.

Hinüber zum Blumenladen

Zurück im Zimmer der Tochter sann er darüber, seiner Frau eine kleine Freude zu machen. Er wollte den Frühstückstisch vorbereiten. Danach musste er abreisen. Die Geschäfte riefen. Eine Geste dieser Art würde die Trennung für sie sicherlich erträglicher machen. Sie hatte es verdient. Er liebte sie sehr und sie war ihm immer eine gute Gattin gewesen.

Er plante leise vor sich hin, wie der Tisch aussehen sollte: Die Servietten und was er servieren wollte. Er bedauerte, dass er keinen frischen Blumenschmuck besorgen konnte. Er wollte seine Tochter nicht allzu lange alleine lassen. Aber Kerzen waren natürlich fest einkalkuliert. Sie sollte es schön haben. Sie sollte abermals sagen, dass ihr Mann ein guter Mensch sei. Ein Glücksfall. Das Gute, das unter dem gemeinsamen Dach wohne.

Je näher der Zeitpunkt für das Frühstück kam, desto mehr störte er sich an der Tafel, die keine Blumen tragen sollte. Noch haderte er. Sollte er sich sputen und welche holen?

Dann gab er sich einen Ruck. Er konnte doch schnell die Wohnung verlassen, hinübergehen in den Blumenladen und einige Tulpen holen. Die Kleine würde schon nicht ausgerechnet jetzt aufwachen und nach ihrem Vater rufen. Morgens schliefen Kranke immer tiefer als zu den Zeiten, da man eigentlich im Tiefschlaf verweilen sollte.

Dem Greis zur Hand

Sie liebte Tulpen. Und so warf er sich schnell eine Jacke über und lief hinüber. Es war noch früh, es dämmerte langsam herauf. Der Nebel stieg aus den Kanaldeckeln. Ein Bild von einem Klischee. Wie man sich einen Morgen ebenso zeichnet, wenn man ihn zeichnen soll. Es wirkte, wie die billige Kulisse für einen Streifen von Michael Curtiz oder Leo McCarey.

Kurz bevor er den Laden erreicht hatte, traf er auf einen Greis, der mit schwer beladenen Taschen den Trottoir hinab schlurfte. Er konnte die Ladung kaum hieven und sah ohnehin sehr verloren aus. Für den nach Tulpen hetzenden Ehemann war es keine Frage. Er ging dem Greis zur Hand, fragte ihn, wo seine Wohnung lag und hatte Glück, sie war nur einige Meter weiter. Der alte Mann hatte schon früh am Morgen am Wochenmarkt eingekauft, um nicht ins Gemenge zu gelangen und sich dort zu verlieren.

Als der Alte ihm Geld anbot, verweigerte er die Annahme. Das kam für ihn nicht in Frage. Es war schon fast eine Beleidigung, dass seine Hilfsbereitschaft mit einem Entgelt beglichen werden sollte.

Nun aber eilte er zum Blumenladen. Er hatte schon genug Zeit gelassen. Der Laden wurde gerade beliefert. Er bat um drei Tulpen und machte der Verkäuferin ein harmloses Kompliment, drückte ihr einen Schein in die Hand, wartete das Rückgeld nicht ab und beeilte sich, möglichst vor dem Erwachen seiner Frau zuhause zu sein.

Aus Überzeugung

Auf dem Rückweg begegneten ihm einige Nachbarn. Alle begrüßten ihn freudig. Er war im Stadtteil nicht unbekannt. Man schätzte seine hilfsbereite Art, die Fähigkeit zuzuhören und die Probleme der Menschen in seiner Umgebung nicht nur anzuhören, sondern auch aktiv an der Lösung mitzuwirken.

Eine der Nachbarinnen, die ihn begrüßten, hatte er vor einigen Jahren beim Umzug geholfen. Sie wurde Witwe, ihr Mann starb plötzlich an einem Herzinfarkt und sie musste aus finanziellen Gründen in eine kleinere Wohnung wechseln. Wochen vor dem Umzug in die neue Wohnung klagte sie ihr Leid seiner Frau. Sie erzählte es wiederum ihrem Mann. Und er organisierte Helfer und packte selbst mit an. Im Ortsverband seiner Partei fand er viele Freiwillige. Er pfiff und sie kamen.

Eine Mutter, die ihre Tochter an der Hand führte und die jetzt seinen Weg kreuzte, rief ihn von der anderen Straßenseite und winkte. Ihrem Mann hatte er vor einiger Zeit eine Stelle verschafft.

Manche seiner Parteifreunde glaubten, er helfe all diesen Leuten nur, um vielleicht mal politische Karriere zu machen. Aber das lag ihm fern. Sein Elternhaus hatte ihn geprägt. Dort lernte er, dass man für seine Mitmenschen da sein sollte. Man helfe nicht aus Kalkül, sondern aus Überzeugung. Das sei ein eklatanter Unterschied. Und jede Hilfe, die er anbot oder leistete, war von dieser Überzeugung geprägt. Ein Lächeln, der Dank in den Augen derer, denen er geholfen hatte, war für ihn Belohnung. Politische Karriere stand ohnehin nie auf seiner Agenda.

Er stieg hinauf in die Wohnung. Lief ins Zimmer der kranken Tochter. Sie schlief noch. Er fühlte ihre Stirn. Sie war kälter. Das Fieber zog ab. Er küsste ihr den Kopf und machte sich auf in die Küche, einen netten Frühstückstisch decken. Die Tulpen waren die Krönung.

Chic sah er aus

Dann legte er sich neben seine Frau und küsste sie zärtlich wach. Er griff unter die Decke und umarmte sie. Er fühlte ihre Brüste beben und er bebte mindestens genauso. Sie blinzelte und als sie ihn sah, lächelte sie und gab ihm einen Kuss. Fast hätte ihn die Lust am Wickel gehabt, aber er riss sich am Riemen. Seine Frau schlief morgens nicht gerne mit ihm. Als anständiger Gatte respektierte er das.

Sie standen auf und schlenderten in die Küche. Sie freute sich, als sie die Tulpen erblickte. Das Frühstück war Beiwerk. Sie genoss es trotzdem. Beide schmatzten Brot und Butter und leckten am Honig.

Nach dem Frühstück hätte sie Lust auf ihn gehabt, aber die Zeit eilte. Gleich musste er los. Die Arbeit rief. Er lief nochmal zu seiner Tochter. Sie war noch im Halbschlaf, als er ihr versprach, bald schon mit ihr und ihren Freundinnen in den Zoo zu gehen. Dann umarmte er seine Frau, gab ihr einen Kuss und sagte ihr, dass sie das Glück seines Lebens sei.

Sie hatte Tränen in den Augen, als er sich den Ledermantel anzog und die Mütze aufsetzte. Der Totenkopf und die gekreuzten Knochen blitzten. Chic sah er aus. Er musste sich beeilen. Der Sonderzug nach Treblinka würde nicht auf ihn warten.

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

Dieser Beitrag erschien zuerst am 20. Mai 2021 auf dem Blog der Neulandrebellen

+++

Bildquelle:   konstantinks  / shutterstock

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Abonniere jetzt den KenFM-Newsletter: https://kenfm.de/newsletter/

+++

Jetzt KenFM unterstützen: https://www.patreon.com/KenFMde

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

Auch interessant...

Kommentare (30)

Hinterlassen Sie eine Antwort