Denunzianten gesucht: Springers »Stürmer« auf Hexenjagd

Von Susan Bonath.

Viele Menschen sind erschüttert von den G20-Krawallen im linksalternativen Hamburger Schanzenviertel. Auch linke Gruppen zeigten sich entsetzt. Mit der bürgerlichen Entrüstung versuchte Springers »Bild« am Montag wie gewohnt richtig Kasse zu machen. Doch diesmal ging das Blatt einen Schritt zu weit: Mit selbst produzierten oder gekauften Schnappschüssen betätigte es sich als Ermittler, Richter und Henker zugleich. Unter der Schlagzeile »Gesucht: Wer kennt diese Verbrecher?« schrieb es gezielt Personen zur »Fahndung« aus.

Eine willkommene Hilfe des Skandalblattes für die Polizei? Das Problem: Die Gazette mit Millionenauflage bildet die Menschen nicht nur unverpixelt und identifizierbar ab, was aus gutem Grund nicht einmal der Polizei erlaubt ist. Sie schreibt ihnen Vorwürfe zu, ohne diese weiter recherchiert zu haben. Die Bild bezichtigt etwa eine Frau des »Einklaus«. Unter dem Foto eines jungen Mannes heißt es: »Volle Pulle Attacke! Vom Wasserwerfer durchnässt, schleudert dieser Mann eine Bierflasche«. Und so weiter.

Das mag einige freuen. Kleinwagen und Tante-Emma-Läden abzufackeln oder zu zertrümmern und damit unbeteiligte Anwohner zu schädigen, ist nicht links, sondern kriminell. Doch nicht nur, dass »Bild« gar nicht recherchiert hat, ob die Abgebildeten wirklich etwas mit den Krawallen in der Schanze zu tun haben und ihre Motivationen im Augenblick des Fotos gar nicht kennt. Wenn ein solches Blatt Menschen erkennbar abbildet, sie pauschal zu Verbrechern erklärt und ihre Leser auffordert, gegen diese tätig zu werden, setzt sie diese der Verfolgung außerhalb jeder staatlichen Institution aus – mit unabsehbaren Folgen.

Was das Springerblatt hier treibt, erinnert an den Stürmer, der den deutschen Faschisten massive Beihilfe zur Verfolgung von Kommunisten, Sozialisten und Juden leistete. Das meistgelesene deutsche Skandalblatt entzündet einen öffentlichen Scheiterhaufen und trommelt zur Hexenjagd gegen Einzelpersonen, die es ohne Ermittlungen, ohne Prozess zu Schwerkriminellen erklärt. Es wiegelt einen Bürgermob auf, der die Abgebildeten durchaus in tödliche Gefahr bringen kann. Wer das gutheißt, muss sich fragen: Wollen wir unkontrollierte Freicorps, die Jagd auf Menschen machen? Wollen wir eine Gesellschaft, in der Denunziantentum zum Volkssport wird? Wollen wir ein faschistisches Comeback?

Ohne Frage sind solche Aufrufe faschistischer Natur. Dabei spielt es letztlich keine Rolle, was die gezeigten Personen augenscheinlich oder am Ende tatsächlich getan haben. Und wer mal auf einer Demonstration zusehen musste, wie Prügelpolizisten wahllos Männer, Frauen oder gar Kinder zusammenschlagen, treten, beleidigen oder mit Pfefferspray attackieren, der weiß: Irgendwann kommt der Punkt, an dem der friedlichste Mensch Ausschau nach dem nächstbesten Pflasterstein oder einer herumstehenden Flasche hält.

Ganz klar: Straftaten gehören ermittelt. Wer andere Menschen schädigt, gehört bestraft. In den »Fällen« der »Bild« jedoch bleibt die konkrete Situation, in der die Fotos entstanden sind, völlig im Dunkeln. Selbst Angeklagte vor Gericht darf kein Medium unverpixelt abbilden. Das gebietet der Pressekodex. Den gibt es nicht umsonst. Wer solche Aufrufe veröffentlicht, zu solchen Hexenjagden trommelt, dem sind Menschenleben völlig schnuppe. Der würde jeden auf diese Art verfolgen, solange es nur Kohle in die Kassen spült. So jemandem gehört das schmutzige Handwerk gelegt. Und zwar schnell.

 

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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