Auszug aus dem Buch: Hitlers amerikanische Lehrer

Zur Diskussion um die “Protokolle der Weisen von Zion”.

von Hermann Ploppa.

Mein Artikel „Fantasy und die realen Zusammenhänge der Macht“ hat ein reges Echo ausgelöst. Besonders die im Artikel angeführten „Protokolle der Weisen von Zion“ haben zu einer lebhaften Debatte geführt, ob diese Protokolle wohl echt sein könnten. Eine erstaunliche Diskussion. Deshalb könnte vielleicht an dieser Stelle ein Auszug aus meinem Buch „Hitlers amerikanische Lehrer“ <*> von Nutzen sein.

Auszug aus dem Buch:
Früher waren sich die Mitglieder der westlichen Eliten einig, dass die „Protokolle der Weisen von Zion“ echt seien, und sie stimmten ihre Politik darauf ab. So gehörte auch der amerikanische Präsident Woodrow Wilson zu jenen Spitzenpolitikern, die den Protokollen einiges an Erkenntnis abgewinnen konnten. Ein enorm einflussreiches Mitglied der englischen Regierung im Jahre 1920 zustimmend über die „Protokolle“:

„Diese Richtung bei den Juden ist nicht neu. Angefangen schon bei Spartacus-Weishaupt über Karl Marx, Trotzki, Bela Kun, Rosa Luxemburg und Emma Goldmann, hat diese weltumspannende Verschwörung für die Überwältigung der Zivilisation und die Wiederherstellung einer Gesellschaft der Stagnation, der neidischen Mißgunst sowie der nicht zu verwirklichenden Gleichheit [aller Menschen] ständig an Boden gewonnen.“

Diese Worte sprach Winston Churchill, der später als standhafter Hitler-Bezwinger in die Geschichte eingehen sollte. Seinen Antisemitismus hat er, trotz seines jüdischen Vermögensberaters Bernard Baruch, nie abgelegt. So zischelte er abfällig über den US-amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau, ein Jude, er sei ein „Shylock“.

1864 veröffentlichte der französische Schriftsteller Maurice Joly in Brüssel sein Buch „Zwiegespräch in der Hölle zwischen Montesquieu und Machiavelli“. Das Buch erschien in Belgien, weil Joly mit seinem Text den französischen Kaiser Napoleon III. in verklausulierter Form wegen seines tyrannischen Herrschaftsgebarens angreifen wollte, ohne verhaftet zu werden. Er wurde dennoch verhaftet. Montesquieu vertritt in der Hölle die Positionen der Demokratie und des Liberalismus; Machiavelli posaunt wie immer ungeniert die Kochrezepte der Despotie heraus.

Ein weiteres Mosaikbausteinchen: 1868 veröffentlicht der preußische Staatsbeamte Hermann Goedsche (er publiziert auch als Sir John Retcliffe) den Roman „Biarritz“. Goedsche hat sich aus kleinen Verhältnissen mühsam nach oben gebissen und lässt seinen Frust an England und den Juden aus.

In „Biarritz“ gibt es das Kapitel „Auf dem Friedhof in Prag“. Einmal im Jahr treffen sich nämlich in Goedsches Roman Delegierte der zwölf Stämme Israels auf jener Ruhestätte – stilvoll zur Geisterstunde. Und das seit Jahrhunderten. Da sie ja nur ein kleines, in alle Winde verstreutes Völkchen sind, aber trotzdem zäh die Weltherrschaft anstreben, müssen sie natürlich taktisch sehr behutsam vorgehen und sich jedes Jahr einmal abstimmen.

In der „Rede des Rabbiners“ wird der ganze Welteroberungsplan offengelegt. Wohlgemerkt: Goedsche hat das ganze als reines Spiel der Phantasie gemeint, als fiktionale Literatur.

Diese beiden Elemente: die linksliberale Satire des Maurice Joly, und Goedsches Welteroberungsgedankenspiel, wurden später im zaristischen Russland zum politischen Sprengstoff zusammengefügt.

Ohne Frage haben der Zar und seine Entourage Ende des Neunzehnten Jahrhunderts eine Menge handfester Probleme. Russland ist im Umbruch. Da lebt nach wie vor die Masse der Bauern in nacktester Armut, kaum komfortabler als Maulwürfe. Ein gesellschaftlicher Mittelbau entwickelt sich gerade erst.

In den Großstädten formiert sich ein Proletariat. Immer wieder erkennen Offiziere und Intellektuelle aus der Oberschicht die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Umbaus. Sie sind aber immer wieder brutal unterdrückt worden. Der Zarenhof zieht es vor, sich von Wunderheilern, Wahrsagern und Hypnotiseuren beraten zu lassen, anstatt qualifizierte Wirtschafts- und Verwaltungsexperten heranzuholen. Nur eine Institution wächst und gedeiht unter der Gunst des Zaren: die Geheimpolizei Ochrana.

Der Reformstau im zaristischen Russland führt zu immer heftigeren sozialen Explosionen. Der orthodoxe Klerus und der Geheimdienst Ochrana reagieren darauf mit der Blitzableiter-Methode: sie geben die Losung aus, schuld an all dem Unglück in der Welt seien die Juden. Im Gegensatz zu Deutschland waren Juden in Russland sofort erkennbar, denn sie trugen Kaftane und lebten in Ghettos. So kommt es zu grauenhaften Pogromen gegen Juden mit vielen tausend Toten und Verletzten. Viele der überlebenden Juden flüchten nach Westen: nach Deutschland, von wo dereinst ihre Vorfahren vor Pogromen nach Osten geflohen waren. Vor allem aber flüchten sie nun in die USA.

Und irgendwo in dieser Verwirrung tauchen auch die „Protokolle der Weisen von Zion“ auf. Es gibt Leute, die sagen, der Leiter der Auslandsabteilung der Ochrana, Pjotr Iwanowitsch Ratschkowski, der in Paris residierte, habe 1894 zu der Joly-Satire und dem Goedsche-Romankapitel einige aktualisierte Kapitel hinzugefügt und das Ganze zu einen eigenen Gebräu verkocht und in Umlauf gebracht. Zunächst, um in der Dreyfus-Affäre in Frankreich den Antisemiten unter die Arme zu greifen.

Dann erkennt er aber bald die Nützlichkeit seiner Kreation für die Auseinandersetzungen in Russland. 1903 tritt ein Pawlokai Kruschew in Russland mit dem Pamphlet „Programm für eine Weltregierung der Juden“ an die Öffentlichkeit. 1905 folgt ein Herr Butmi mit seinem Werk: „Die Wurzel unserer Probleme“.

Die Version der „Protokolle der Weisen von Zion“, wie sie dann ihren verhängnisvollen Siegeszug um die Welt antreten soll, ist zum ersten Mal 1905 zweifelsfrei dokumentiert. Der Mystiker Sergej Nilus veröffentlicht sein Traktat „Großes im Kleinen. Aufzeichnungen eines Orthodoxen“. Im Anhang des Haupttextes dokumentiert er den Wortlaut der „Protokolle“. Welchen Einfluss die „Protokolle“ auf die antisemitischen Ausschreitungen in Russland tatsächlich hatten, ist nicht einwandfrei erwiesen. Es wird behauptet, die orthodoxen Popen hätten die „Protokolle“ in den Gottesdiensten von der Kanzel verlesen.

Zum weltweiten Phänomen werden die „Protokolle“, als in Russland die bolschewistische Revolution siegt. Was man auch sonst über Lenins Revolution sagen mag: der Antisemitismus war in dem neuen Sowjetreich einstweilen besiegt. Energisch wird gegen antisemitische Hetzer vorgegangen, und auch die „Protokolle“ sind in der Sowjetunion verboten.

Die Antisemiten fliehen ins Ausland, wohin sie ihr bewegliches Vermögen mitnehmen. Kolonien zaristischer Emigranten sind in Berlin und München vertreten. Größere Verbände lassen sich in Frankreich, Großbritannien und USA nieder. Sie sinnen auf baldige Rache und Wiedererlangung ihrer Macht. Sie sind eine treibende Kraft bei der Verbreitung der „Protokolle“. Aufgrund dieser Arbeit werden die „Protokolle“ vom US-amerikanischen Automilliardär Henry Ford im großen Stil weltweit in Umlauf gebracht (dazu weiter unten in diesem Buch). Der Exilbalte Alfred Rosenberg bringt die „Protokolle“ in das Schrifttum und Denken der NSDAP ein.

Die ehrwürdige Londoner Times veröffentlicht am 8. Mai 1920 eine überaus wohlwollende Besprechung der „Protokolle“. Allerdings ein Jahr später, am 18. August 1921, folgt im selben Blatt das Dementi: der Times-Korrespondent für Konstantinopel, Philip Graves, hatte dortselbst Jolys Satire-Text entdeckt, der wegen der strengen Zensur in Frankreich nie eine große Auflage erreichte, und Graves konnte die Textübereinstimmungen in den „Protokollen“ nachweisen.

Es kann einem bei der Lektüre der „Protokolle“ nicht lange verborgen bleiben, dass an diesem Menü viele Köche gewerkelt haben. Und der eine Koch weiß nicht immer, was sein Kollege schon angerührt hat. Die verschiedenen Textpassagen sind inhaltlich widersprüchlich. Sie stammen aus unterschiedlichen Epochen.

Streckenweise wird das Loblied der Erbmonarchie angestimmt. Dann wieder finden sich Aussagen, die Bezug nehmen auf Verwerfungen am Finanzmarkt, die um die Jahrhundertwende stattgefunden haben. Der vordenkende Oberrabiner vertritt streckenweise lupenrein die elitäre Arroganz und Massenverachtung, wie sie in der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts Theoretiker wie Le Bon, Spencer, Galton, Schopenhauer oder Nietzsche vorgetragen haben.

Der Welteroberungsplan, den der Oberrabiner vor den Abgeordneten der zwölf israelitischen Stämme ausbreitet, sieht vor, die Eliten der Nicht-Juden, der Goyim, zu schwächen und vor den Massen zu diskreditieren. Gleichzeitig versuchen andere Juden am unteren Segment der Gesellschaft, Revolten zu schüren.

(…)

Für die nicht-jüdischen Leser (die so genannten „Goyim“) haben die „Protokolle“ gleich eine ganze Reihe von Handlungsanweisungen im Koffer. Und diese sind defensiv und offensiv zugleich:

Die Nicht-Juden müssen ihre Sinne schärfen und alle Phänomene nach der neu benannten Bedrohung umsortieren.

Das heißt: massive Kriegsgefahr, Inflation, Arbeitslosigkeit, Verschärfung der sozialen Ungleichheit, unfähige Eliten: sind nicht, wie man bis dato dachte, das Ergebnis einer ungeordneten, von Habsucht der Reichen geprägten chaotischen Politik einer kleinen, leicht zu identifizierenden Gruppe. All das ist die Inszenierung einer dem eigenen Volkskörper fremden, zum Äußersten entschlossenen Gruppe.

Das ändert natürlich alles. Wer gegen die Eliten im eigenen Land aufbegehrt, verrichtet das schmutzige Geschäft der bösen Juden. Wer gegen die Aufrüstung agitiert, öffnet einem fremden Volk Tür und Tor. Wer „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ fordert, schwächt die Abwehrkraft des eigenen Volkes. Denn Demokratie ermöglicht „minderwertigen“ Menschen das Regierungsamt. Regieren sollen aber nur die, die dazu kraft Geburt berufen sind.

Denn die bösen Juden sehen den Menschen, wie er ist, und nicht, wie er sein sollte. Darum ist für die Goyim die Weisheit derer von Zion eine bittere, aber heilende Pille: der Mensch ist dem Menschen ein Raubtier. Nur die rohe Gewalt entscheidet in der Geschichte. Nur die Stärksten und Klügsten kommen durch.

Das Volk ist dumm. Es muss und – es will geführt werden. Wenn nicht eine Despotie das Volk zähmt, dann gibt es eine große gegenseitige Zerfleischung. Offenkundig sind die Weisen von Zion eifrige Anhänger von Machiavelli, Herbert Spencer und Francis Galton.

Die Goyim müssen also so werden wie die Weisen von Zion, und deren brutale Weltsicht verinnerlichen. Sonst werden sie von diesen geborenen Machiavellisten überrumpelt. Und die Zeit drängt. Die Weisen von Zion sind schon weit vorangekommen.

Anmerkungen

<*> Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Hermann Ploppa: „Hitlers amerikanische Lehrer – Die Eliten der USA als Geburtshelfer des Nationalsozialismus“:

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In zweiter Auflage erschienen beim Liepsen-Verlag, Marburg 2016.
ISBN 978-3-9812703-3-4 — Informationen: liepsenverlag@gmail.com

Siehe auch: https://www.youtube.com/watch?v=AsaOURTJmjw


Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Textes.

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