Am Rande des Weges

Zwischenwelten – von Sofia Lux.

Ich entschied mich, relativ spontan, die Jahreswende tatsächlich mal allein zu verbringen. Raus aus der Stadt, nicht zu weit weg und in naturbelassener Umgebung sollte es sein. Der Rest war mir ziemlich egal. Klar, nicht zu teuer wäre noch gut.

Ich rief in dem Hotel meiner Wahl an. Mitten im Wald und an einem See gelegen- wunderbar! Da fahr ich hin.

Und so kam es. Ich packte meine Sachen am vormittag des Silvestertages, zog die Wohnungstür fest ins Schloss, verriegelte zwei mal und fuhr los. Auf ins Ungewisse…

Ich war noch niemals ohne besonderen Grund zwei Nächte irgendwo allein. Die Sehnsucht hatte ich zwar immer gehegt, aber die Umsetzung fiel mir schwer. Diesmal nicht. Ich machte es einfach.

Die Route zum Hotel schaute ich mir zuvor im Netz an und schrieb sie auf einen herumfliegenden alten Briefumschlag „vom Polizeipräsidenten“: Parken ohne Parkschein- damit könnte ich 2017 vielleicht auch mal aufhören, dachte ich mir und stopfte die Wegnotizen in meine braune Ledertasche.

Dreiviertel des Weges klappten einwandfrei. Keine Staus, schönes Wetter, gute Musik im Auto. Die Fahrbahn von Winterbaumwipfeln gesäumt, färbte sich im Rückspiegel rosa-orange. Die Sonne durchbrach in gedämpfter Feurigkeit den kalten Frosttag und zusammen hüllte diese Warm-Kalt-Komposition den letzten Tag des Jahres in ungewohnte Frische und freudige Erwartung auf den See, den Wald und seine einsamen Spazierwege.

Nachdem ich die Ausfahrt von der Autobahn genommen hatte, gelangte ich nach einiger Fahrzeit in ein kleines brandenburgisches Dorf, man könnte auch sagen Kaff. Aber das klingt abwertend und so empfand ich es gar nicht. Vielmehr war ich positiv gestimmt angesichts des Kontrasts zu meiner Wohngegend in Berlin: Ruhe, Felder, Wald, Häuser grau, vereinzelt geschmückt, vereinzelt Licht im Fenster. Die Hauptstraße am Dorfplatz vorbei, bog ein silberfarbenes Auto ca. 100 Meter rechts vor mir aus einer Garageneinfahrt, setzte rückwärtsfahrend in eine Ausbuchtung schräg gegenüber zurück und ließ mich, in meine Weg-Notizen vertieft, passieren. Ich war kurz irritiert, weil mir nicht klar war, was der Fahrer mit seinem „Move“ beabsichtigte: Warum fuhr er rückwärts in die Ausbuchtung gegenüber der Einfahrt aus der er kam, blieb stehen und wartete bis ich vorbeifuhr? Die Straße war ja breit genug, um in beide Richtungen abzubiegen. Naja. Ich kümmerte mich nicht weiter darum.

Ein paar hundert Meter später, endete die Hauptstraße auf der ich planmäßig in eine weitere zielführende Straßen kommen sollte. Diese aber existierte nicht. Stattdessen gabelten sich zwei Wege, die keinerlei Beschriftung aufwiesen. Der Straßenasphalt hörte an dieser Stelle auf und ging in Waldweg über. Toll! Und was nun?

Hinter mir sah ich das gepflegte, silberne Auto wieder, dem ich kurz zuvor begegnet war. Ich fuhr noch deutlicher rechts ran und kam vollständig zum Stehen, um das wie auch immer geartete Vorhaben des Fahrers nicht zu behindern. Er schlich sich förmlich an mein Auto ran. Im Rückspiegel erkannte ich die Umrisse des Fahrers im schwarz-weiß karierten Hemd. Was will der Typ?, dachte ich leicht verärgert. Soll doch vorbeifahren und mich in Ruhe lassen. So kam es nicht. Er hielt neben mir und ließ das Fenster der Beifahrertür runter. Ich, innerlich schon gereizt, tat es ihm gleich, lächelte kurz und höflich und schaute ihn fragend an. Er grinste und sagte „Naaa! Haste Dich verfahren?“ – Haha, wie witzig!, dachte ich und bejahte seine Frage unwillig, aber um Höflichkeit bemüht. Bevor ich ihn fragen konnte, wo die von mir gesuchte Straße sei, stellte er die eindringliche Frage wohin genau ich denn wollen würde. – Was geht den das an?, dachte ich mir und wollte ihm definitiv nicht verraten in welchem Hotel ich mein Einsame-Wölfin-Silvester verbringen werde. Ich hatte keine Lust mit diesem grinsenden und auf eine komische Art unangenehm wirkenden Mann Anfang 40 auch nur den Bruchteil meines Abenteuers zu teilen. Vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon auf meinen einsamen Waldwegen hinter mir herspazieren- das ist echt das letzte was ich gebrauchen kann: Unglückliche, aber grinsende Männer, die weder attraktiv, noch selbstreflektiv, noch herzlich oder irgendwie authentisch, einer Frau die Welt erklären wollen. Mein Kopfkino sagte: der Typ ist verheiratet- unglücklich. Hat zwei Kinder, die, wenn sie nicht spuren, kräftig angebrüllt werden. Lebt schon immer in diesem Kaff- angesichts dieses Mannes, wurde das zuvor idyllische brandenburgische Dorf ganz rasch zum Kaff, zu einem Ort aus dem man am besten so schnell wie möglich wieder flüchten sollte. Er lebt im renovierten Haus der verstorbenen Oma. Wände im Bad mintgrün. Im Flur knallpink. Wohnzimmer orange. Bunte Prielblumen aus Filz hängen im Fenster- die Frau dekoriert sporadisch das Haus. Ist genauso unglücklich wie ihr Mann. Der Frust beider über ihr gemeinschaftliches Emotions-Gefängnis entlädt sich regelmäßig an den Kindern.

Mich überkamen Schauer des Grusels bei gleichzeitigem Drang dieser gefühlten, atmosphärischen Tristesse auf schnellstem Wege zu entfliehen.

Erstaunlich, wie rasch sich Urteile zu Menschen einstellen- im positiven wie im negativen. Vor-Urteile. Mag sein, dass ich dem Mann Unrecht tue, aber meine Intuition ist stärker als mein Verstand und deutlich näher an der subjektiv erlebten Realität als jede auf Vernunft fixierte Analyse über sie.

Ich antwortete ihm auf seine Frage hin, etwas unbeholfen mit Blick auf meinen Notizzettel, dass ich eine bestimmte Straße suchen würde und nannte ihm den Namen- diese Straße war natürlich nicht die Straße in der sich das Hotel befand, aber sie war ganz in der Nähe davon und von dort aus würde ich die Zieladresse sicher finden.

Er fragte weiter, was da denn sein würde. Ich druckste herum und sagte ihm, dass ich von dort aus schon wüsste wie ich weiter zu fahren habe und, ob er mir nun sagen könne wie ich zu dieser Straße gelange. Er wurde ernster, ja fast aggressiv, und meinte: „Wir machen das jetzt so. Dieser Waldweg hier führt genau in den Ort, wo Du hinwillst“ und er würde vorfahren und mich zu der Straße bringen. Ich wusste seinem dominanten Plan nichts entgegenzusetzen außer: „Ich glaube, ich muss zurückfahren, meine Notizen sagen, die Straße sei in die andere Richtung.“ Ich merkte wie ich angesichts seiner Zielorientiertheit unsicherer wurde. Ich wusste nicht wie ich zu der Straße kommen sollte. Der beste und kürzeste Weg sei durch den Wald hier, wiederholte er und er wüsste wo die Straße sei, die ich suche, denn er lebe hier schon immer und kenne sich aus. Ich solle ihm nur hinterherfahren. Ich bräuchte keine Angst haben, fügte er hinzu, er würde bloß seine Eltern abholen, weil ja Silvester sei. Dabei grinste er wieder so seltsam.

Ich war unentschieden: wäre schon schön, wenn mir jemand weiterhilft und ich noch vor der vollständigen Dämmerung am Hotel ankommen würde. Wäre nicht schön, wenn er mich in den Wald führt, um mich in irgendeine Hütte zu verschleppen…ich wollte jetzt nicht weiterdenken.

Und nochmal fragte er, wo ich denn genau hinwollte. Ich verriet es ihm nicht und wiederholte stattdessen den Namen der anderen Straße, die unweit vom Hotel lag.

Er insistierte zum dritten mal, dass ich ihm doch hinterherfahren solle und ich ansonsten keine Chance hätte an meinem Zielort anzukommen. Ich überlegte nochmal und dachte kurzerhand: Ok! Scheißdrauf! Ich fahr dem Typen jetzt hinterher und, wenn es mir zu gruselig wird, dreh ich einfach wieder um. Auto fahren kann ich schließlich. Notfalls auch rasant. Ich habe keine Angst. Tschakka!

„In Ordnung“, sagte ich und so fuhren wir los. Das brav polierte silberne Auto vor mir. Die Klarheit des hellen Tages, die mich zuvor auf meinem Weg begleitet hatte, wurde zunehmend durch die Dunkelheit des Waldes abgelöst. Je weiter wir fuhren, umso dämmriger und dunkler wurde es. Brandenburg! Der Mann fuhr schleichend vor mir und blickte dauernd in den Rückspiegel. Ich hielt übertrieben viel Abstand zu seinem Fahrzeug und drückte schließlich den Knopf meiner Zentralverriegelung- sollte irgendwas passieren, lege ich den Rückwärtsgang ein und steige kräftig aufs Gas- sinnierte ich über die Szenerie.

Wir fuhren weiter und weiter. Dieser Weg ließ keinen Spaltbreit erahnen, wann er denn endlich zu Ende sein würde. Stattdessen wurde der Wald dichter, der Weg enger und die Waldlandschaft sumpfiger. Mein Horror-Portfolio zum Silvester-Abenteuer war perfekt: Junge Frau entschließt sich erstmals den Jahreswechsel allein zu verbringen und kehrt nicht mehr zurück.

Ich holte mein Handy aus der Tasche und wollte den grinsenden Blicken aus dem Rückspiegel vor mir, demonstrieren, dass ich nicht alleine war, sondern telefonierend dem Menschen auf der anderen Seite der Leitung eine genaue Situationsbeschreibung abgebe- vielleicht sogar das Nummernschild des Fahrzeugs vor mir nenne?!- und er sich also nicht einbilden sollte, irgendwelche Spielchen mit mir zu treiben.

Ich wollte meinen Vater anrufen. Oder meinen Ex-Freund. Die ersten beiden Männer, die mir in den Sinn kamen, um mir hier weiterhelfen zu können. Auf den Gedanken meine Mutter, meine beste Freundin oder irgendeine andere Frau anzurufen, kam ich nicht. Interessant: Wenn ich mich also in ernster Gefahr fühle, sehe ich offenbar klar und deutlich einen vertrauten Mann- keine vertraute Frau- vor mir, von dem ich mir Hilfe verspreche.

Kein Empfang! Kein Balken auf dem Handy, wo eigentlich fünf sein sollten. Großartig! Ich bekam langsam Herzklopfen, nahm das Telefon dennoch ans Ohr und brabbelte irgendetwas in den Apparat. Hauptsache der Typ vor mir checkt, dass ich in Kontakt mit anderen Menschen bin und er damit rechnen muss, nicht inkognito mit mir durch diesen Wald des Grauens hier zu brettern.

Wie wirkungsvoll das war- keine Ahnung. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass die Blicke, die ich in seinem Rückspiegel von ihm wahrnehmen konnte, ihr Grinsen verloren und zudem deutlich weniger wurden.

Innerlich überkam mich nach dieser „Fake“-Handlung ein Gefühl von etwas mehr Sicherheit. Ich bin kein Opfer. Weiter gehts!

Wir fuhren nun schon über 20 Minuten durch dieses Sumpfgebiet. Nicht ein einziger Mensch, kein Spaziergänger, kein Reiter, Nichts kam uns auf diesem Waldweg entgegen.

Aber dann. Hinter der Kurve endlich eine Straße. Puh! Ich jubelte innerlich. Dann ein, zwei, drei Häuser und nach der dritten Kreuzung dann die ersehnte Straße. Der Fahrer fuhr hinein und kam rechts zum Stehen. Ich stellte mich neben ihn, ließ das Fenster auf der Beifahrerseite runter und sagte „Super! Vielen Dank.“. Sein Ausdruck hatte sich vom Grinsen in etwas anderes gewandelt. Er schien irgendwie fast wütend und sagte „So. Hier ist es. Aber hier darfst du eigentlich nicht reinfahren. Wo musst Du denn hin?“ – „Von hier komm ich hin, wo ich hinwill. Vielen Dank fürs Lotsen und ein schönes neues Jahr!“ Ich hob die Hand zum kurzen Winken, während ich die Fensterscheibe per Knopfdruck schloss und davonfuhr.

Im Rückspiegel erkannte ich wie der Mann zurücksetzte und hinter der Straßenecke in seinem silberfarbenen Auto verschwand.

Puh! Geschafft! Dachte ich und fand nach wenigen Minuten meinen Zielort: Ein kleines Hotel am Hang, mitten im Wald und mit Blick auf einen etwas sumpfigen Waldsee, den ein langer Spazierweg säumte.

So. Nun kann das selbstgewählte Einsame-Wölfin-Silvester kommen. Ich fuhr den steilen Weg zum Hotel hinauf, parkte auf dem Platz davor und blieb noch eine Weile im Auto sitzen. Öffnete dann die Fahrertür, klappte den Sitz nach hinten, zog meinen grauen Rollkoffer mit einem Ruck heraus und machte mich auf in Richtung Eingangstür dieses scheinbar verschlafenen Hotels im waldigen Herzen Brandenburgs. – Mal schauen, was mich hier erwartet …

Dank an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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