75 Jahre Babij Jar

Von Dirk C. Fleck.

Es war im Sommer 1959, als sich der berühmteste russische Dichter seiner Zeit in Hamburg vorstellte. Ein namhafter Russe in Deutschland, mitten im heißen Kalten Krieg – das kam einer Sensation gleich. Ich hatte das Glück, im Audimax der Hamburger Universität dabei sein zu dürfen, als JEWGENI JEWTUSCHENKO seinen beeindruckenden Auftritt hatte. Der Mann stand tausend Studenten gegenüber, die seinen Worten so andächtig folgten, als würden sie einem Alien lauschen. Jewtuschenkeo stand ganz alleine auf der riesigen Bühne und füllte sie doch total aus. Den Dolmetscher, der im Hintergrund simultan übersetzte, nahmen wir kaum wahr. Das lag vor allem daran, wie dieser Hüne (er maß 2 Meter) seine Sätze knetete. Man hatte das Gefühl, als würden die Gedichte in diesem Augenblick erschaffen, als würde man Zeuge, wie der Dichter letzte Hand an seine Wortskulpturen legte.

Totenstill wurde es, als Jewtuschenko sein Gedicht „Babij Jar“ (übersetzt Weiberschlucht) vortrug. Wir alle waren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden und die Hypothk unserer Vorgängergeneration lastete schwer auf unseren Schultern. Babij Jar ist eine Schlucht auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew, sie war der Schauplatz der größten einzelnen Mordaktion an jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Zweiten Weltkrieg, die unter der Verantwortung der deutschen Wehrmacht durchgeführt wurde. Den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD fielen am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden zum Opfer. Die 6. Armee unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau, die bereits in den Monaten zuvor bei den Judenmorden eng mit dem SD zusammengearbeitet hatte, half bei der Planung und Durchführung der Vernichtungsaktion.

„Babij Jar – Das vergessene Verbrechen“ lautet auch der Titel eines Films, der im Jahre 2003 allerdings kaum Beachtung fand. Artur Brauner zeichnete für diese deutsch-weißrussische Koproduktion des US-amerikanischen Regisseurs Jeff Kanew verantwortlich. Als ich Artur Brauner im Jahre 2000 für die Berliner Morgenpost porträtiert habe, hat er mir eine Kopie des gerade fertig gestellten Drehbuchs geschenkt, das sich noch heute in meinem Besitz befindet. Schaut euch diesen Film an: “Babij Jar – Das vergessene Verbrechen”

Der Schauspieler Ben Becker, den ich kurze Zeit nach meiner Begegnung mit Artur Brauber ebenfalls porträtiert habe, hat vor kurzem sehr eindrucksvoll ein Gedicht von Jewtuschenko rezitiert. Titel des Gedichts: “Meinst Du, die Russen wollen Krieg?” Hier ist der Link zu Beckers Vortrag: “Meinst Du, die Russen wollen Krieg?”

Spiegel Online berichtet heute in einer Titelstory über das Verbrechen von Babij Jar, das jahrzehntelang in Vergessenheit geraten war, zumindest in Deutschland. Ich bin kein Freund des Spiegel und dessen permanenten Russenbashing. Aber für diese Veröffentlichung gebührt der Redaktion Dank: “Massaker von Babij Jar 1941”

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Artikels.

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