100 Sekunden vor Mitternacht

Wladimir Putins Vorschläge in seiner Rede in der Gedenkstädte Yad Vashem und die möglicherweise brandgefährliche Reaktion aus Ignoranz und Arroganz im Westen.

Von Bernhard Trautvetter.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat im Rahmen der Gedenkveranstaltung 75 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in der israelischen Gedenkstätte ‘Yad Vashem’ am 23. Januar (2020) in Jerusalem einen wichtigen Vorschlag zur weltweiten Verständigung der ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates eingebracht, der im Westen sofort auf Ablehnung oder einfach Nichtbeachtung und Häme stieß.

Diese Reaktion erfolgte in einer Zeit, in der der Menschheit die Zeit davonzulaufen droht, die ihr vielleicht noch bleibt, den Planeten Erde in einem Zustand zu erhalten, der sich mit menschlichem Leben in Einklang befindet.

Die ökologischen Zukunftsgefährdungen haben inzwischen und erstmals in der für uns erfassbaren Geschichte ein Ausmaß erreicht, in dem sie sich nicht mehr auf einzelne Regionen, sondern auf den gesamten Planeten ausgedehnt haben. Eine Studie der Universität Bern beweist diese Aussage, die höchste Verantwortung an alle kritischen und verantwortlichen Kräfte unserer Zeit stellt. Zitat: “Im Unterschied zu vorindustriellen Klimaschwankungen erfolgt die gegenwärtige, vom Menschen verursachte Klimaerwärmung auf der ganzen Welt gleichzeitig. Zudem ist die Geschwindigkeit der globalen Erwärmung so gross wie nie seit mindestens 2000 Jahren.” (1)

In dieser Lage haben wir kein Recht dazu, Zeit zu verlieren, die wir vielleicht noch haben, die aber bald schon nicht mehr gegeben sein kann, und dann kann es für die Kindeskinder unserer zu spät sein, sie werden im schlimmsten Fall nicht sein können. Das durch eine fixe Meinung, die diese Gefahr in Abrede stellt, zu riskieren, kann auf Seiten der Akteure wie Bolsonaro und Trump, (…) zu einer Verantwortung führen, die katastrophaler ausfällt, als die bisherigen Kriegsverbrechen in der Geschichte, denn es geht um die Gefahr des Endes der Geschichte. Die Gefahr, die vom Inferno eines möglichen Nuklearkrieges ausgeht, liegt ebenso schwer auf der Agenda unserer Tage. Das Bulletin der Nuklearwissenschaften berichtet, dass die Wissenschaftler, darunter Nobelpreisträger/innen, die sogenannte Weltuntergangsuhr vor wenigen Wochen – Ende Januar – auf 100 Sekunden vor Mitternacht vorgestellt haben. (2)

Da die internationalen Spannungen immer zugespitzter werden und da die Hochrüstung – auch im nuklearen Bereich einen Atomkrieg immer wahrscheinlicher machen, ist diese Entscheidung absolut wichtig und richtig. Der US-General James Cartwright äußerte im Interview mit PBS Newshour, dass das neu entwickelte und 2022 stationierungsreife nukleare System der Armee mit Zielfindungstechnik eine weit höhere Brauchbarkeit für die im Konfliktfall entscheidenden Politiker/innen und Militärs hat. (3)

Die Gefahr, dass die Menschheit durch einen Atomkrieg oder durch den Klimawandel ausgelöscht wird, ist “so groß wie seit Erfindung der Uhr im Jahr 1947 nicht, teilte das ‘Bulletin of Atomic Scientists’ mit. 2019 stand die Uhr noch bei zwei Minuten vor zwölf. ‘Wir haben es jetzt mit einem echten Notfall zu tun – einem absolut inakzeptablen Zustand der Welt’, sagte Rachel Bronson,” (4) Direktorin des ‘Bulletin of the Atomic Scientists’.

Die einzige Chance, die die Menschheit in der Lage hat, ist die der Verhandlungen, des Austauschs und der Vereinbarung auf Augenhöhe, wenn nicht aus der Einsicht reifer Verantwortungsträger/innen, dann aus dem Mut, der sich verstärkenden Gefahr, doch noch heraus zu begeben.

Bisher reichen die Brände in Australien in den Ausmaßen von Staatsgebieten, die Hurrikane und weiteren verheerenden Starkregen- und Sturmereignisse, die Eisschmelze, Verschiebung von Vegetationszentren, die Vernichtung von Arten (5) nicht dazu aus, die vermutlich überlebensnotwendige weltweite Kooperation der Mächte, Staaten und Völker zu etablieren.

Die Grundlagen des Kapitalismus, Privatbesitz und Konkurrenz, verhindern die Verwirklichung des Gebots unserer Zeit. Diese allgemeine Aussage konkretisiert sich gegenwärtig in der Politik westlicher Staaten gegenüber dem ebenfalls kapitalistischen Russland.

Die Vorschläge Wladimir Putins zur Lösung der Zukunftsaufgaben der Gegenwart leitete er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aus der Verantwortung ab, die sich aus den Verbrechen des Faschismus ergeben: “Heute vereint uns bei (…) der Erinnerung an die Opfer des Holocaust (…) eine gemeinsame Verantwortung und eine Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit und der Zukunft. Wir trauern um alle Opfer des Nationalsozialismus, darunter sechs Millionen Juden, die in Ghettos und Konzentrationslagern zu Tode gefoltert und bei Tötungsaktionen (der Nazis – B.T.) brutal ermordet wurden. 40 Prozent der Opfer sind Bürger der ehemaligen Sowjetunion, deshalb war und bleibt der Holocaust für uns eine tiefe Wunde (…) In den besetzten Gebieten der Sowjetunion, (…) wurde die größte Anzahl von Juden getötet. (…) Der Holocaust ist die systematische Vernichtung von Menschen. Aber wir müssen uns daran erinnern, dass die Nazis das gleiche Schicksal auch  vielen anderen Völkern bereiten wollten: Zu ‘Untermenschen’ wurden Russen, Weißrussen Ukrainer, Polen sowie Vertreter vieler anderer Nationalitäten erklärt. (…) Das sowjetische Volk verteidigte (…) sowohl sein Vaterland als brachte auch Europa die Befreiung von dem Nationalsozialismus. Wir haben dafür einen solchen Preis gezahlt, wie (…) kein Volk zuvor (…) – 27 Millionen Todesopfer” (6)

Aus diesem mahnenden Gedenken an die Verbrechen des Faschismus leitete Wladimir Putin seinen Vorschlag ab. Es ging ihm um “(…) die Pflicht der gegenwärtigen und zukünftigen Politiker, der staatlichen und öffentlichen Persönlichkeiten, (…) alle Mittel zu nutzen: Information, Politik, Kultur, Autorität und Einfluss unserer Länder in der Welt. (…) wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass die schrecklichen Tragödien jenes Krieges sich niemals wiederholen und dafür, dass die zukünftigen Generationen sich an das Grauen des Holocausts, der Todeslager und der Blockade von Leningrad erinnern (…)” (7) Die Verantwortung, alle Mittel zu nutzen, bezog er auf die “fünf Großmächte” unter den Gründungsstaaten der Vereinten Nationen (…) da sie “eine besondere Verantwortung für die Erhaltung der Zivilisation tragen” – er meinte Russland, China, USA, Frankreich und Großbritannien.

Es ging ihm dabei um ein “Gipfeltreffen der Länder, die den wichtigsten Beitrag zur Zerschlagung des Aggressors und zur Schaffung eines Systems der Nachkriegsweltordnung geleistet hatten, würde eine große Rolle bei der Suche nach kollektiven Antworten auf moderne Herausforderungen und Bedrohungen spielen (…)” (8)

Bei allen kritischen Fragen, die sich auch an die russische Politik etwa im Bereich der Nuklearindustrie oder des Zusammenwirkens mit Erdogan in Syrien und Libyen stellen (9), zeigt der Vorschlag an die ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates eine Verantwortung auf, die man im Bereich der Westmächte nicht vorfindet, im Gegenteil.

Statt einen Versuch zu unternehmen, auf die Angebote und Vorschläge Wladimir Putins einzugehen, ernten sie im Westen Ablehnung und Ignoranz.

Das ganze garnieren die Strategen in den Medien und in der Politik mit Vorwürfen gegen Wladimir Putin, er hätte sich inszeniert und aus seiner Rede eine Party gemacht. Die Spitze des unwürdigen Umgangs mit Weltproblemen stellt ein Tagesschau-Kommentar zu den Ereignissen dar: “Unwürdig war dagegen, wie Israel und Russland diesen Gedenktag teilweise kaperten. Wie sie vor der offiziellen Veranstaltung sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty feierten – mit neuen Verbalattacken gegen Polen und demonstrativ überlangen bilateralen Gesprächen zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Präsident Wladimir Putin.” (10)

Die Wortwahl ist in vieler Hinsicht Ausdruck einer Haltung, die den Dingen nicht gerecht wird: Die Kommentatorin Sabine Müller setzt die beiden Politiker Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu mit ihren Staaten gleich.

Sie kritisierte unter anderem die Dauer der Zeremonie zur Einweihung eines Denkmals an die Belagerung Leningrads durch die Nazi-Armee, der circa eine Millionen Menschen durch Hunger, Kälte und Krankheit zum Opfer fielen. Diese Zeremonie hatte dazu geführt, dass die weiteren Staatsgäste bei der Gedenkfeier in der Gedenkstätte Yad Vashem hatten warten müssen. Dazu die Tagesschau-Kommentatorin Sabine Müller: “Wie sie die Einweihung eines Denkmals zur Erinnerung an die Belagerung Leningrads gnadenlos überzogen, wie sie 90-jährige, 100-jährige Holocaust-Überlebende eine Dreiviertelstunde lang in Yad Vashem warten ließen wie bestellt und nicht abgeholt – und dazu noch mehr als 40 Staats- und Regierungschefs. Was ein würdiger Tag mit eindrucksvollen Signalen sein sollte, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack, allen warmen Worten von ‘Nie wieder’ bei der Gedenkfeier und allen Beschwörungen der Einigkeit zum Trotz.” (11)

Im Kommentar findet sich kein Wort zu den Vorschlägen Wladimir Putins, stattdessen aber diese massive und durch die Gleichsetzung zweier politiker mit ihren Staaten seltsam ungenaue Verlaufs-Kritik .

Das Kriegsverbrechen Nazi-Deutschlands an Leningrad hätte zu mehr Vorsicht führen müssen. Das Land der Täter hat eine besondere Verantwortung auch gegenüber den Bürger/innen und Bürgern Leningrads, das die Nazis grausam von der Umwelt abriegelten. Diesem Kriegsverbrechen fielen über eine Millionen Menschen zum Opfer; was dort geschah, das war Vernichtung durch Aushungern und Kältetod: “Sie gehört zu den eklatantesten Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg: die Leningrader Blockade. Fast zweieinhalb Jahre schließt die Wehrmacht die nordrussische Stadt ein. Über eine Million Menschen sterben. Hitler persönlich hat die Blockade angeordnet: Er will die 2,5 Millionen Einwohner nicht versorgen. Der grausame Hungertod der Leningrader ist wohl Teil des Kalküls. Die Folgen sind furchtbar. Am 27. Januar 1944 wird die Stadt befreit.” (12)

Der Zweite Weltkrieg war das bislang größte Verbrechen in der Geschichte, für das einige Nazis in den Nürnberger Prozessen wegen ‘Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges’ und ‘Verbrechen gegen die Menschlichkeit’ angeklagt und verurteilt wurden.(13) Die Zerstörung der Zivilisation durch die Verweigerung der weltweiten Kooperation und durch die Steigerung der internationalen Spannungen bei immer weiter gesteigerter Hochrüstung kann im 21. Jahrhundert, das auf das Jahrhundert folgt, in dem zwei Weltkriege von Deutschland entfesselt wurden, niemand hinnehmen. Deshalb haben die Friedensbewegung und weitere Bewegungen für die Zukunft die gemeinsame Aufgabe, den Militaristen entgegenzutreten und sich für eine weltweite Kooperation einzusetzen, die möglicherweise eine letzte Chancen auf ein Überleben der globalen Zukunftsgefährdungen 100 Sekunden vor Mitternacht eröffnet.

Quellen:

(1) https://www.unibe.ch/aktuell/medien/media_relations/medienmitteilungen/2019/medienmitteilungen_2019/klima_erwaermt_sich_so_schnell_wie_nie_in_den_letzten_2000_jahren/index_ger.html
(2) https://www.zdf.de/nachrichten/heute/100-sekunden-vor-mitternacht–weltuntergangsuhr–tickt-weiter-100.html
(3) https://fas.org/blogs/security/2015/11/b61-12_cartwright/
(4) https://www.zdf.de/nachrichten/heute/100-sekunden-vor-mitternacht–weltuntergangsuhr–tickt-weiter-100.html
(5) https://www.cbd.int/doc/c/efb0/1f84/a892b98d2982a829962b6371/wg2020-02-03-en.pdf
(6) (7) und (8) https://www.youtube.com/watch?v=NY1rz6jET84
(9) Wobei ich keinesfalls die Verantwortung westlicher Staaten für den Kriegszustand dieser Region ausblende, siehe: https://www.deutschlandfunk.de/konflikt-usa-iran-der-naechste-schritt-koennte-durchaus.694.de.html?dram:article_id=448171
(10) http://www.tagesschau.de/kommentar/yad-vashem-gedenken-kommentar-101.html
(11) https://www.mdr.de/zeitreise/ns-zeit/leningrader-blockade-100.html
(12) https://www.mdr.de/zeitreise/ns-zeit/leningrader-blockade-100.html
(13) https://www.br.de/franken/inhalt/zeitgeschichte/nuernberger-prozesse-angeklagten100.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Billion Photos / shutterstock

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